Jahrestagung 2027

Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2. März 2027

Pragmatik & Extremismus: Sprachliche Praktiken & kommunikative Formen

Komplettes Tagungsprogramm als pdf.

Die Zunahme extremistischer Ideologien in öffentlichen wie semi-privaten Diskursräumen stellen Ge-sellschaften vor erhebliche Herausforderungen. Während die Inhalte extremistischer Positionen promi-nent erforscht sind, bleibt ihre pragmatische Dimension – die sprachlichen Vollzüge, Interaktionsmus-ter und multimodalen kommunikativen Formate – ein dringliches Desiderat. Ein extremistisches Sprachinventar gibt es nicht, wohl aber eine extremistische Nutzung üblicher sprachlicher Mittel: „es ist der Vollzug sprachlicher Formen, der gesellschaftliche Wirklichkeit mitkonstituiert und Identitäten stif-tet. Ein bestimmter Sprachgebrauch ist daher nicht (nur) ein Symptom des politischen Extremismus, sondern sein konstitutiver Bestandteil“ (Ebling et al. 2013). Ob eine Äußerung extremistisch ist, hängt von der Konstellation der Sprecher:innen, Ziele und Adressat:innen ab (vgl. Liebert 2019, 2020) – ext-remistisch wird eine Sprachhandlung durch Funktion und Konstellation, nicht (allein) durch ihre Form.
Wenn also „politisches Handeln vornehmlich sprachliches Handeln ist“ (Girnth 2015: 37), gilt das auch für den extremistischen Sonderfall: Aufwiegeln, Mobilisieren, Bedrohen und Dehumanisieren sind keine bloßen Worte vor der Tat, sondern selbst Handlungen; hinzu kommt die narrative Erschaffung von Feindbildern und das Erzählen von Bedrohungsplots, die ferne Gefahren in die Alltagswelt der Adres-sat:innen rückt (vgl. Postigo Fuentes et al. 2024; Cap 2013). Die Tagung widmet sich dabei zwei zusam-mengehörige Blickrichtungen: sprachliche Praktiken, die wiederkehrenden, sozial geteilten Muster des Sprachhandelns – vom Dog-Whistling bis zur szenetypischen Grußformel –, und kommunikative For-men, etwa die gattungs- und medientypischen Ausprägungen ihrer Zirkulation, vom Manifest über das Meme bis zum Telegram-Kanal.
Extremismus lässt sich so als Kommunikationssystem beschreiben, das sich im pragmatischen Vollzug konstituiert und sich über semantische „Faltungen“ operativ schließt (vgl. Scharloth 2022a); im Belei-digen formiert sich z. B. die neue Rechte „überhaupt erst als (Anti-)Wertegemeinschaft“ (Scharloth 2021: 4–5; 2022b: 40). Die zugespitzte Mehrfachadressierung ein und derselben Äußerung soll dem einen Publikum harmlos und dem anderen unüberhörbar identitätsstiftend oder exkludierend erschei-nen (vgl. Klein 2018: 358; Saul 2018; Tuters/Hagen 2021). Deklarative Akte ohne institutionelle De-ckung, wenn Akteure Menschen zu Feinden erklären („denen wir jegliches Recht aberkennen“, Reissen-Kosch 2016: 19) oder wenn die Reichsbürgerbewegung dem Staat die Staatlichkeit abspricht (vgl. Liedtke 2016; Švitek 2024) werden milieu-intern dennoch als verbindlich ratifiziert und handlungslei-tend.
Die Wirkungen ordnen sich entlang dreier perlokutionärer Grundklassen: glauben machen (das Welt-bild schließen), zum Handeln bewegen (mobilisieren) und fühlen machen (ängstigen, empören, verge-meinschaften) (vgl. Staffeldt 2007). Daraus folgt eine Zurechnungsfrage, um die Strafverfolgung, Platt-formmoderation und Öffentlichkeit z.B. in Fällen von aufhetzenden Akten ringen (vgl. incitement bei Danziger 2025; Fuchs-Kreiß 2025). Die Befundlage ist über die verschiedenen Spektren des Extremis-mus ungleich verteilt: Während es zahlreiche pragmalinguistisch anschlussfähige Studien zum Rechts-extremismus gibt (exemplarisch Scharloth 2021; Breidenbach 2025), sind es zu Linksextremismus (vgl. Preiss 2024) deutlich weniger. Existierende Arbeiten zu religiös begründetem Extremismus, insbeson-dere dem Islamismus (vgl. Fritzsche 2024) oder Verschwörungsideologien (vgl. Deschrijver 2021; Rö-mer/Stumpf 2019) sind für (meta-)pragmatische Perspektiven anschlussfähig.
Die ALP-Jahrestagung 2027 fragt danach, wie extremistische Weltbilder im sprachlichen Handeln her-vorgebracht, gefestigt und verbreitet, aber auch destabilisiert werden können. Wir freuen uns über Bei-träge mit pragmalinguistischer Ausrichtung und empirischen Daten aus unterschiedlichen extremisti-schen Milieus und an der Grenze zwischen legitimem demokratischem, populistischem und illegitimem extremistischem Sprachgebrauch. In Frage kommen digitale wie analoge Situationen und Daten: Li-vestream und Kommentarspalte, Telegram-Chat, Meme, Manifest und Tatschreiben ebenso wie
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Kundgebungsrede und historische Flugschrift, dazu die Offline-Arenen der Szenen. Beiträge können sich unter anderem, aber nicht ausschließlich, in folgenden Themenfeldern bewegen:
(1) Extremistisches Sprachhandeln und seine Wirkungen. Das Handlungsspektrum reicht von ge-waltnahen Akten wie Drohen, Hetzen und Glorifizieren über Legitimieren, Verharmlosen und Leugnen bis zu unauffällig werbenden Handlungen wie Vergemeinschaften und Rekrutieren: IS-Videos zeigen ein primär direktives Sprechaktprofil (vgl. Qi 2020: 1196, 1208), das Christchurch-Manifest arbeitet mit Imperativen (vgl. Bianchi 2022: 223), Aufstachelungstexte positionieren Gewalt als moralische Pflicht (vgl. Etaywe/Giles 2025: 1; Prentice/Rayson/Taylor 2012); anschlussfähig ist die juristische Perspek-tive auf Äußerungsdelikte als „pönalisierte Sprechakte“ (Oğlakcıoğlu, zit. n. Fuchs-Kreiß 2025: 78; vgl. Nussbaum 2025). Wie greifen diese Sprachhandlungen ineinander, wie verhalten sich Illokution und Perlokution zueinander (vgl. Danziger 2025) – und wie bringt extremistische Kommunikation Be-troffene zum Schweigen (vgl. Gelber 2019: 615)?
(2) Implizitheit, Indirektheit und die Grauzone des Sagbaren. Dog-Whistling, Szene-Codes und In-sinuationen operieren mit Präsuppositionen und Implikaturen unterhalb der Schwelle direkter Sankti-onierbarkeit (grundlegend Saul 2018; vgl. Wodak 2007: 213–215; Liedtke 2016); „legale“ Hassrede kann perlokutionär ebenso schädlich sein wie strafbare (vgl. Baider/Kopytowska 2018: 3–4), Ausweich-strategien sichern Skandaläußerungen ab (vgl. Chovanec 2020: 66), rhetorische Fragen verdeckter Hassrede beschäftigen die Strafverfolgung (vgl. Fuchs-Kreiß/Heuser 2025), und die Ausweitung der Sagbarkeitsgrenzen ist erklärtes strategisches Ziel („Wir versuchen, die Grenzen des Sagbaren auszu-weiten“, Gauland 2018, zit. n. Niehr 2025: 223). Wo liegen die Grenzen der plausiblen Bestreitbarkeit (vgl. Saul 2021), wie lässt sich das Implizite methodisch fassen – und lassen sich Verschiebungen der Sagbarkeitsgrenzen (am Sprachgebrauch) beschreiben (vgl. Niehr 2025; Deschrijver 2021: 310)?
(3) Die freundliche Oberfläche: Normalitäts-Inszenierung, Beziehungskommunikation und re-aktanzarme Persuasion. Extremistische Kommunikation ist zu großen Teilen nicht manifest hasser-füllt – am wenigsten dort, wo sie wirbt (vgl. Govers et al. 2023: 26): In Live-Chats rechtsextremer Streams dominiert die Beziehungs- über die Inhaltsebene (vgl. Pook/Rocha Dietz/Stanjek 2022: 83–84), Rekrutieren beginnt mit Vertrauensaufbau, getragen von persuasiven Akten wie Werben, Verspre-chen und Identifikationsangeboten (vgl. Williams/Tzani 2024: 322; Reissen-Kosch 2016; Braddock 2020: 78–80), und Influencer:innen geben sich über parasoziale Nahbarkeit „den Anschein der politi-schen Mitte“ (Lexhaller 2023: 65). Zunehmend tritt Extremismus im Anzug auf – Formate wie der rechtsextreme „Remigration Summit“ inszenieren sich als seriöse Politikentwürfe (vgl. Niehr 2025); schon für die NS-Diskurspraxis ist „Entpolitisierung der Politik“ diagnostiziert (Maas 1984: 203; vgl. Langebach/Raabe 2016: 413). Wie verschleiert und tarnt sich extremistische Kommunikation, wie bleibt sie anschlussfähig für unterschiedliche Zielgruppen?
(4) Invektivität, Hassrede, (Un-)Höflichkeit und Bindung nach innen. Hassrede ist strategisches Sprachhandeln – „a verbal weapon to recruit sympathizers, intimidate activists, control discourse topics, and establish interpretative dominance“ (Postigo Fuentes et al. 2024: 36); dieselbe Äußerung schüch-tert die Fremdgruppe ein und vergemeinschaftet die Eigengruppe (vgl. Udupa et al. 2020: 3–4; De Smedt et al. 2018: 14). Inzivilität nach außen ist Bindung nach innen (vgl. Krug 2024: 16; Tuters/Hagen 2021: 82, 90), der Tabubruch wird als Authentizität gelesen (vgl. Wodak 2020: 151–155), und gerade höfliche, Beiträge können hier an die Konzepte der Hate-Speech-, Invektivitäts- und (Un-)Höflichkeitsforschung anschließen (vgl. Culpeper 2021; Boonen/Wentker/Gür-Şeker 2022) – bis hin zur metainvektiven Ebene, auf der ausgehandelt wird, was überhaupt als Herabsetzung gilt (vgl. Scharloth 2017).
(5) Adressierung, Deixis und Kommunikationskonstellationen. Extremistische Kommunikation operiert in einer mehrstelligen Konstellation aus Eigengruppe, Fremdgruppe und umworbener Mehr-heit und vollzieht sich über Referenz- und Prädikationspolitik (vgl. Liebert 2020: 641–644); das mehr-deutige wir changiert zwischen Gemeinschaftskonstitution und Vereinnahmung der Mehrheit (vgl. Liedtke 2016; Preiss 2024), Proximisierung inszeniert Bedrohung (vgl. Cap 2013).n wen richtet sich extremistische Rede tatsächlich, wo ist das mitlesende Publikum der eigentliche Adressat (vgl. Klein 2018: 358; Stopfner 2015: 7) und welche sprachlichen Entsprechungen haben interne Koordinierung, Rekrutierung nach außen und Feindbild-Pflege?
(6) Gattungen, Formate und Multimodalität. Die Tatschreiben-Forschung beschreibt illizite Gattun-gen wie Drohschreiben deren Konventionen zur Vermeidung von Strafverfolgung gemieden werden (vgl. Preiss 2024: 41) oder aber auch Bekennerschreiben. Das Gattungsspektrum reicht von der
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extremistischen Predigt über Propagandamagazin, Drohschreiben und Schulhof-CD bis zu Meme und Handzettel und in sozialen Medien z. B. Rekrutierungs- und Lifestyle-Videos (vgl. Fritzsche 2024; Lan-gebach/Raabe 2016; Ebner 2019: 178–188; Bogerts/Fielitz 2018). Welche Gattungen und multimoda-len Kommunikate prägen extremistische Kommunikation, welche Interaktionsordnungen bilden Platt-formen wie TikTok, X oder Telegram aus (vgl. Fielitz/Marcks 2020) – und wie verändert sich extremis-tisches Sprachhandeln in institutionellen Räumen, im Parlament oder vor Gericht (vgl. Fuchs-Kreiß/Oğlakcıoğlu 2025)?
(7) Gruppenstile und Register. Für dschihadistische Texte ist ein ideologiegradübergreifendes Ein-heitsregister nachgewiesen (vgl. McEnery/Brookes 2022: 117); für die IS-Magazine schlägt Fritzsche die „propagandistische Sondersprache“ vor – ein Merkmalinventar, „das nicht historisch gewachsen ist, sondern in kurzer Zeit bewusst konstruiert wurde“ (Fritzsche 2024: 164–165). Gruppenstile – von RAF und Vulkangruppe über NSU, Freie Sachsen, PEGIDA und die Identitäre Bewegung bis zu Hizb ut-Tahrir, IS, Incel-Foren und QAnon – lassen sich als Zugehörigkeitsperformanz und Distinktionsmittel fassen (vgl. Gätje 2008; Müller/Harrendorf/Mischler 2022); willkommen sind auch historische Perspektiven, vom Pronomengebrauch und den Registern der NS-Alltagskommunikation (vgl. Maas 1984; Schlosser 2013) bis zur Publizistik extremistischer Szenen. Gibt es ein ‚doing being an extremist‘ und an welchen pragmalinguistischen Merkmalen lässt sich Gruppenzugehörigkeit zeigen?
(8) Begriffe, Methoden und Forschungsethik. Welche Konzepte eignen sich zur Bestimmung extre-mistischen Sprachgebrauchs: Extreme Speech, Dangerous Speech, Hate Speech, Inzivilität (vgl. U-dupa/Gagliardone/Hervik 2021; Ackermann et al. 2015)? Methodisch reicht das Spektrum dezidiert pragmatischer Zugänge von der Korpuspragmatik (vgl. Ebling et al. 2013; Scharloth 2022a) über die Sprechaktanalyse ganzer Propagandakorpora (vgl. Qi 2020), Proximisierungs-Analysen (vgl. Cap 2013), Impoliteness-Analysen (vgl. Culpeper 2021), die Membership Categorisation Analysis (vgl. Krug 2024) und die Annotation extremer Narrative (vgl. Baider/Gregoriou 2024) bis zur forensischen Stilanalyse von Tatschreiben (vgl. Preiss 2024), zur mehrdimensionalen Textanalyse (vgl. Fritzsche 2024), zur lin-guistischen Risikoabschätzung (vgl. Ebner/Kavanagh/Whitehouse 2025) und zur Auswertung von Ge-richts- und Ermittlungsakten (vgl. Danziger 2025; Fuchs-Kreiß/Heuser 2025). Offen bleiben dabei Prob-leme wie die systematische Untererfassung impliziter Angriffe (vgl. Lewandowska-Tomaszczyk et al. 2023: 20) und die Zirkularität, die droht, wo Korpora entlang behördlicher Vorklassifikationen gebaut sind (vgl. Ebling et al. 2013). Quer dazu interessiert das Verhältnis von Sprache und Ideologie – wie sich Weltdeutungen zu Ideologemen verdichten (vgl. Liebert 2019; Švitek 2024) und was die Kritische Dis-kursanalyse als Forschungsfeld an der Schnittstelle zur Pragmatik leistet, von van Dijks ideologischem Quadrat der positiven Selbst- und negativen Fremddarstellung bis zum Diskurshistorischen Ansatz (vgl. Wodak 2007; Reisigl 2011). Nach welchen Achsen lässt sich extremistische Kommunikation vermessen, welche Kontextfaktoren sind für die Einstufung als extremistisch relevant – und wie lassen sich popu-listischer, extremistischer und terroristischer Sprachgebrauch abgrenzen (vgl. Niehr/Reissen-Kosch 2018; Ebner/Kavanagh/Whitehouse 2025)? Und wie gestaltet sich der forschungsethischen Umgang mit solchen (Grauzonen-)Daten?
Willkommen sind Untersuchungen zu dezidiert pragmatischen Phänomenen im engeren Sinne – Sprechakte, Implikaturen, Präsuppositionen, Deixis – ebenso wie Arbeiten mit einem weiteren Pragma-tikverständnis: interaktionale, multimodale, diskurs-, sozio-, text- und medienlinguistische, politolingu-istische, rechtslinguistische, korpus- und computerlinguistische sowie interkulturell-kulturverglei-chende Zugänge. Erwünscht sind theoretische wie methodenbezogene Beiträge und Fallstudien – auch aus Nachbardisziplinen, ausdrücklich einschließlich Gegenrede, kommunikativer Resilienz und Deradi-kalisierungspraktiken.
Keynote: Joachim Scharloth (Waseda University, Tokio)
Wir möchten Sie herzlich dazu einladen, Ihren Beitragsvorschlag als Abstract (max. 350 Wörter, exklu-sive Literaturverzeichnis) bis zum 30. November 2026 an kontakt@alp-verein.de zu schicken. Weitere Informationen zur Tagung und zur ALP e.V. finden Sie rechtzeitig auf unserer Internetseite (www.alp-verein.de).
Tagungsorganisation: Susanne Kabatnik (Trier), Sebastian Zollner (Greifswald), Maximilian Krug (Duisburg-Essen), Alexandra Gubina (Freiburg/IDS Mannheim)
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Literatur
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Die Zunahme extremistischer Ideologien in öffentlichen wie semi-privaten Diskursräumen stellen Gesellschaften vor erhebliche Herausforderungen. Während die Inhalte extremistischer Positionen prominent erforscht sind, bleibt ihre pragmatische Dimension – die sprachlichen Vollzüge, Interaktionsmuster und multimodalen kommunikativen Formate – ein dringliches Desiderat. Ein extremistisches Sprachinventar gibt es nicht, wohl aber eine extremistische Nutzung üblicher sprachlicher Mittel: „es ist der Vollzug sprachlicher Formen, der gesellschaftliche Wirklichkeit mitkonstituiert und Identitäten stiftet. Ein bestimmter Sprachgebrauch ist daher nicht (nur) ein Symptom des politischen Extremismus, sondern sein konstitutiver Bestandteil“ (Ebling et al. 2013). Ob eine Äußerung extremistisch ist, hängt von der Konstellation der Sprecher:innen, Ziele und Adressat:innen ab (vgl. Liebert 2019, 2020) – extremistisch wird eine Sprachhandlung durch Funktion und Konstellation, nicht (allein) durch ihre Form.

Wenn also „politisches Handeln vornehmlich sprachliches Handeln ist“ (Girnth 2015: 37), gilt das auch für den extremistischen Sonderfall: Aufwiegeln, Mobilisieren, Bedrohen und Dehumanisieren sind keine bloßen Worte vor der Tat, sondern selbst Handlungen; hinzu kommt die narrative Erschaffung von Feindbildern und das Erzählen von Bedrohungsplots, die ferne Gefahren in die Alltagswelt der Adressat:innen rückt (vgl. Postigo Fuentes et al. 2024; Cap 2013). Die Tagung widmet sich dabei zwei zusammengehörige Blickrichtungen: sprachliche Praktiken, die wiederkehrenden, sozial geteilten Muster des Sprachhandelns – vom Dog-Whistling bis zur szenetypischen Grußformel –, und kommunikative Formen, etwa die gattungs- und medientypischen Ausprägungen ihrer Zirkulation, vom Manifest über das Meme bis zum Telegram-Kanal.

Extremismus lässt sich so als Kommunikationssystem beschreiben, das sich im pragmatischen Vollzug konstituiert und sich über semantische „Faltungen“ operativ schließt (vgl. Scharloth 2022a); im Beleidigen formiert sich z. B. die neue Rechte „überhaupt erst als (Anti-)Wertegemeinschaft“ (Scharloth 2021: 4–5; 2022b: 40). Die zugespitzte Mehrfachadressierung ein und derselben Äußerung soll dem einen Publikum harmlos und dem anderen unüberhörbar identitätsstiftend oder exkludierend erscheinen (vgl. Klein 2018: 358; Saul 2018; Tuters/Hagen 2021). Deklarative Akte ohne institutionelle Deckung, wenn Akteure Menschen zu Feinden erklären („denen wir jegliches Recht aberkennen“, Reissen-Kosch 2016: 19) oder wenn die Reichsbürgerbewegung dem Staat die Staatlichkeit abspricht (vgl. Liedtke 2016; Švitek 2024) werden milieuintern dennoch als verbindlich ratifiziert und handlungsleitend.

Die Wirkungen ordnen sich entlang dreier perlokutionärer Grundklassen: glauben machen (das Weltbild schließen), zum Handeln bewegen (mobilisieren) und fühlen machen (ängstigen, empören, vergemeinschaften) (vgl. Staffeldt 2007). Daraus folgt eine Zurechnungsfrage, um die Strafverfolgung, Platt-formmoderation und Öffentlichkeit z.B. in Fällen von aufhetzenden Akten ringen (vgl. incitement bei Danziger 2025; Fuchs-Kreiß 2025). Die Befundlage ist über die verschiedenen Spektren des Extremismus ungleich verteilt: Während es zahlreiche pragmalinguistisch anschlussfähige Studien zum Rechtsextremismus gibt (exemplarisch Scharloth 2021; Breidenbach 2025), sind es zu Linksextremismus (vgl. Preiss 2024) deutlich weniger. Existierende Arbeiten zu religiös begründetem Extremismus, insbeson-dere dem Islamismus (vgl. Fritzsche 2024) oder Verschwörungsideologien (vgl. Deschrijver 2021; Rö-mer/Stumpf 2019) sind für (meta-)pragmatische Perspektiven anschlussfähig.

Die ALP-Jahrestagung 2027 fragt danach, wie extremistische Weltbilder im sprachlichen Handeln hervorgebracht, gefestigt und verbreitet, aber auch destabilisiert werden können. Wir freuen uns über Beiträge mit pragmalinguistischer Ausrichtung und empirischen Daten aus unterschiedlichen extremistischen Milieus und an der Grenze zwischen legitimem demokratischem, populistischem und illegitimem extremistischem Sprachgebrauch. In Frage kommen digitale wie analoge Situationen und Daten: Livestream und Kommentarspalte, Telegram-Chat, Meme, Manifest und Tatschreiben ebenso wie Kundgebungsrede und historische Flugschrift, dazu die Offline-Arenen der Szenen. Beiträge können sich unter anderem, aber nicht ausschließlich, in folgenden Themenfeldern bewegen:

(1) Extremistisches Sprachhandeln und seine Wirkungen. Das Handlungsspektrum reicht von gewaltnahen Akten wie Drohen, Hetzen und Glorifizieren über Legitimieren, Verharmlosen und Leugnen bis zu unauffällig werbenden Handlungen wie Vergemeinschaften und Rekrutieren: IS-Videos zeigen ein primär direktives Sprechaktprofil (vgl. Qi 2020: 1196, 1208), das Christchurch-Manifest arbeitet mit Imperativen (vgl. Bianchi 2022: 223), Aufstachelungstexte positionieren Gewalt als moralische Pflicht (vgl. Etaywe/Giles 2025: 1; Prentice/Rayson/Taylor 2012); anschlussfähig ist die juristische Perspektive auf Äußerungsdelikte als „pönalisierte Sprechakte“ (Oğlakcıoğlu, zit. n. Fuchs-Kreiß 2025: 78; vgl. Nussbaum 2025). Wie greifen diese Sprachhandlungen ineinander, wie verhalten sich Illokution und Perlokution zueinander (vgl. Danziger 2025) – und wie bringt extremistische Kommunikation Betroffene zum Schweigen (vgl. Gelber 2019: 615)?

(2) Implizitheit, Indirektheit und die Grauzone des Sagbaren. Dog-Whistling, Szene-Codes und Insinuationen operieren mit Präsuppositionen und Implikaturen unterhalb der Schwelle direkter Sanktionierbarkeit (grundlegend Saul 2018; vgl. Wodak 2007: 213–215; Liedtke 2016); „legale“ Hassrede kann perlokutionär ebenso schädlich sein wie strafbare (vgl. Baider/Kopytowska 2018: 3–4), Ausweichstrategien sichern Skandaläußerungen ab (vgl. Chovanec 2020: 66), rhetorische Fragen verdeckter Hassrede beschäftigen die Strafverfolgung (vgl. Fuchs-Kreiß/Heuser 2025), und die Ausweitung der Sagbarkeitsgrenzen ist erklärtes strategisches Ziel („Wir versuchen, die Grenzen des Sagbaren auszu-weiten“, Gauland 2018, zit. n. Niehr 2025: 223). Wo liegen die Grenzen der plausiblen Bestreitbarkeit (vgl. Saul 2021), wie lässt sich das Implizite methodisch fassen – und lassen sich Verschiebungen der Sagbarkeitsgrenzen (am Sprachgebrauch) beschreiben (vgl. Niehr 2025; Deschrijver 2021: 310)?

(3) Die freundliche Oberfläche: Normalitäts-Inszenierung, Beziehungskommunikation und reaktanzarme Persuasion. Extremistische Kommunikation ist zu großen Teilen nicht manifest hasser-füllt – am wenigsten dort, wo sie wirbt (vgl. Govers et al. 2023: 26): In Live-Chats rechtsextremer Streams dominiert die Beziehungs- über die Inhaltsebene (vgl. Pook/Rocha Dietz/Stanjek 2022: 83–84), Rekrutieren beginnt mit Vertrauensaufbau, getragen von persuasiven Akten wie Werben, Verspre-chen und Identifikationsangeboten (vgl. Williams/Tzani 2024: 322; Reissen-Kosch 2016; Braddock 2020: 78–80), und Influencer:innen geben sich über parasoziale Nahbarkeit „den Anschein der politischen Mitte“ (Lexhaller 2023: 65). Zunehmend tritt Extremismus im Anzug auf – Formate wie der rechtsextreme „Remigration Summit“ inszenieren sich als seriöse Politikentwürfe (vgl. Niehr 2025); schon für die NS-Diskurspraxis ist „Entpolitisierung der Politik“ diagnostiziert (Maas 1984: 203; vgl. Langebach/Raabe 2016: 413). Wie verschleiert und tarnt sich extremistische Kommunikation, wie bleibt sie anschlussfähig für unterschiedliche Zielgruppen?

(4) Invektivität, Hassrede, (Un-)Höflichkeit und Bindung nach innen. Hassrede ist strategisches Sprachhandeln – „a verbal weapon to recruit sympathizers, intimidate activists, control discourse topics, and establish interpretative dominance“ (Postigo Fuentes et al. 2024: 36); dieselbe Äußerung schüchtert die Fremdgruppe ein und vergemeinschaftet die Eigengruppe (vgl. Udupa et al. 2020: 3–4; De Smedt et al. 2018: 14). Inzivilität nach außen ist Bindung nach innen (vgl. Krug 2024: 16; Tuters/Hagen 2021: 82, 90), der Tabubruch wird als Authentizität gelesen (vgl. Wodak 2020: 151–155), und gerade höfliche, Beiträge können hier an die Konzepte der Hate-Speech-, Invektivitäts- und (Un-)Höflichkeitsforschung anschließen (vgl. Culpeper 2021; Boonen/Wentker/Gür-Şeker 2022) – bis hin zur metainvektiven Ebene, auf der ausgehandelt wird, was überhaupt als Herabsetzung gilt (vgl. Scharloth 2017).

(5) Adressierung, Deixis und Kommunikationskonstellationen. Extremistische Kommunikation operiert in einer mehrstelligen Konstellation aus Eigengruppe, Fremdgruppe und umworbener Mehrheit und vollzieht sich über Referenz- und Prädikationspolitik (vgl. Liebert 2020: 641–644); das mehrdeutige wir changiert zwischen Gemeinschaftskonstitution und Vereinnahmung der Mehrheit (vgl. Liedtke 2016; Preiss 2024), Proximisierung inszeniert Bedrohung (vgl. Cap 2013). An wen richtet sich extremistische Rede tatsächlich, wo ist das mitlesende Publikum der eigentliche Adressat (vgl. Klein 2018: 358; Stopfner 2015: 7) und welche sprachlichen Entsprechungen haben interne Koordinierung, Rekrutierung nach außen und Feindbild-Pflege?

(6) Gattungen, Formate und Multimodalität. Die Tatschreiben-Forschung beschreibt illizite Gattungen wie Drohschreiben deren Konventionen zur Vermeidung von Strafverfolgung gemieden werden (vgl. Preiss 2024: 41) oder aber auch Bekennerschreiben. Das Gattungsspektrum reicht von der extremistischen Predigt über Propagandamagazin, Drohschreiben und Schulhof-CD bis zu Meme und Handzettel und in sozialen Medien z. B. Rekrutierungs- und Lifestyle-Videos (vgl. Fritzsche 2024; Lan-gebach/Raabe 2016; Ebner 2019: 178–188; Bogerts/Fielitz 2018). Welche Gattungen und multimodalen Kommunikate prägen extremistische Kommunikation, welche Interaktionsordnungen bilden Platt-formen wie TikTok, X oder Telegram aus (vgl. Fielitz/Marcks 2020) – und wie verändert sich extremistisches Sprachhandeln in institutionellen Räumen, im Parlament oder vor Gericht (vgl. Fuchs-Kreiß/Oğlakcıoğlu 2025)?

(7) Gruppenstile und Register. Für dschihadistische Texte ist ein ideologiegradübergreifendes Ein-heitsregister nachgewiesen (vgl. McEnery/Brookes 2022: 117); für die IS-Magazine schlägt Fritzsche die „propagandistische Sondersprache“ vor – ein Merkmalinventar, „das nicht historisch gewachsen ist, sondern in kurzer Zeit bewusst konstruiert wurde“ (Fritzsche 2024: 164–165). Gruppenstile – von RAF und Vulkangruppe über NSU, Freie Sachsen, PEGIDA und die Identitäre Bewegung bis zu Hizb ut-Tahrir, IS, Incel-Foren und QAnon – lassen sich als Zugehörigkeitsperformanz und Distinktionsmittel fassen (vgl. Gätje 2008; Müller/Harrendorf/Mischler 2022); willkommen sind auch historische Perspektiven, vom Pronomengebrauch und den Registern der NS-Alltagskommunikation (vgl. Maas 1984; Schlosser 2013) bis zur Publizistik extremistischer Szenen. Gibt es ein ‚doing being an extremist‘ und an welchen pragmalinguistischen Merkmalen lässt sich Gruppenzugehörigkeit zeigen?

(8) Begriffe, Methoden und Forschungsethik. Welche Konzepte eignen sich zur Bestimmung extremistischen Sprachgebrauchs: Extreme Speech, Dangerous Speech, Hate Speech, Inzivilität (vgl. U-dupa/Gagliardone/Hervik 2021; Ackermann et al. 2015)? Methodisch reicht das Spektrum dezidiert pragmatischer Zugänge von der Korpuspragmatik (vgl. Ebling et al. 2013; Scharloth 2022a) über die Sprechaktanalyse ganzer Propagandakorpora (vgl. Qi 2020), Proximisierungs-Analysen (vgl. Cap 2013), Impoliteness-Analysen (vgl. Culpeper 2021), die Membership Categorisation Analysis (vgl. Krug 2024) und die Annotation extremer Narrative (vgl. Baider/Gregoriou 2024) bis zur forensischen Stilanalyse von Tatschreiben (vgl. Preiss 2024), zur mehrdimensionalen Textanalyse (vgl. Fritzsche 2024), zur linguistischen Risikoabschätzung (vgl. Ebner/Kavanagh/Whitehouse 2025) und zur Auswertung von Gerichts- und Ermittlungsakten (vgl. Danziger 2025; Fuchs-Kreiß/Heuser 2025). Offen bleiben dabei Probleme wie die systematische Untererfassung impliziter Angriffe (vgl. Lewandowska-Tomaszczyk et al. 2023: 20) und die Zirkularität, die droht, wo Korpora entlang behördlicher Vorklassifikationen gebaut sind (vgl. Ebling et al. 2013). Quer dazu interessiert das Verhältnis von Sprache und Ideologie – wie sich Weltdeutungen zu Ideologemen verdichten (vgl. Liebert 2019; Švitek 2024) und was die Kritische Diskursanalyse als Forschungsfeld an der Schnittstelle zur Pragmatik leistet, von van Dijks ideologischem Quadrat der positiven Selbst- und negativen Fremddarstellung bis zum Diskurshistorischen Ansatz (vgl. Wodak 2007; Reisigl 2011). Nach welchen Achsen lässt sich extremistische Kommunikation vermessen, welche Kontextfaktoren sind für die Einstufung als extremistisch relevant – und wie lassen sich populistischer, extremistischer und terroristischer Sprachgebrauch abgrenzen (vgl. Niehr/Reissen-Kosch 2018; Ebner/Kavanagh/Whitehouse 2025)? Und wie gestaltet sich der forschungsethischen Umgang mit solchen (Grauzonen-)Daten?

Willkommen sind Untersuchungen zu dezidiert pragmatischen Phänomenen im engeren Sinne – Sprechakte, Implikaturen, Präsuppositionen, Deixis – ebenso wie Arbeiten mit einem weiteren Pragmatikverständnis: interaktionale, multimodale, diskurs-, sozio-, text- und medienlinguistische, politolinguistische, rechtslinguistische, korpus- und computerlinguistische sowie interkulturell-kulturvergleichende Zugänge. Erwünscht sind theoretische wie methodenbezogene Beiträge und Fallstudien – auch aus Nachbardisziplinen, ausdrücklich einschließlich Gegenrede, kommunikativer Resilienz und Deradikalisierungspraktiken.

Keynote: Joachim Scharloth (Waseda University, Tokio)

Wir möchten Sie herzlich dazu einladen, Ihren Beitragsvorschlag als Abstract (max. 350 Wörter, exklusive Literaturverzeichnis) bis zum 30. November 2026 an kontakt@alp-verein.de zu schicken.

Tagungsorganisation:

Susanne Kabatnik (Trier)

Sebastian Zollner (Greifswald)

Maximilian Krug (Duisburg-Essen)

Alexandra Gubina (Freiburg/IDS Mannheim)


Literatur

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